43. REISEBERICHT: 1.5.--24.5.2004

Von Caracas nach Merida

Bisherige Route Gesamtübersicht:

Diese Etappe:


Der Flug von Panama ging über das Sumpfgebiet des Dariengürtels und es war keine Strasse auszumachen. Na, zum Glück haben wir verschifft und nicht Camel-Trophy gespielt. Nach 1.5 Stunden Flugzeit sind wir in Caracas angekommen. Der Einreisebeamte drückt uns den Stempel für 3 Monate Aufenthalt in die Pässe und schon sind wir in Venezuela.
Kaum kommen wir in die Schalterhalle, stürzen sich alle Taxifahrer, Geldwechsler, Buschauffeure, etc. auf uns, um uns ihre Dienste anzubieten. Wir wechseln schwarz bei einer Autovermietung (Venezuela hat einen Devisenstop eingeführt: Offiziell gibt es pro $ 1920 Bolivares, doch schwarz kann man bis zu 3000 Bolivares rausholen) und schnappen uns einen Bus, der uns nach Caracas reinbringt.
Wir haben schon im Internet gelesen, dass diese Stadt kein allzu sicheres Pflaster ist und begeben uns mit Vorsicht auf Hotelsuche. Nach einiger Herumlatscherei finden wir im Zentrum, im Hotel Waldorf eine Bleibe. Der Name trügt, der Kasten ist schon ziemlich heruntergekommen, dafür kostet die Nacht auch nur 12 CHF.
Es ist Wochenende und wir stürzen uns ins Sightseeing. Caracas besticht durch sein modernes Zentrum mit vielen Wolkenkratzern, zahlreichen Parks und einer stattlichen Anzahl interessanter Museen, aber auch durch herumliegenden Dreck, von Abgasen verpesteter Luft und lärmigen Fahrzeugen. Viele der Gebäude haben schon bessere Zeiten gesehen, doch dafür ist die Metro schnell und sauber. Die Museen sind kostenlos und wir schlendern durch das Museo de Belles Artes und Contemporary Art. Auf dem Hauptplatz neben dem Museum gibt eine Gauklertruppe ihre Vorführung feil. Wir fühlen uns wohl in dieser lebendigen Atmossphäre.
Am Montag nehmen wir die 300km nach Puerto Cabello in Angriff. Der Reisebus ist auf Kühlschranktemperatur runtergekühlt und die Vorhänge dürfen nicht geöffnet werden, damit die anderen Reisenden TV glotzen können. Doch wir pfeifen darauf, öffnen unseren Vorhang und schauen uns die vorbeiflitzenden Landschaft an.
In Puerto Cabello angekommen, nehmen wir ein Taxi zur Schiffsagentur und fahren dann mit dem Verantwortlichen zum Zollgebäude. Zielstrebig steuern wir die Abteilung Fahrzeuge an und bringen der Zöllnerin unser Anliegen bei. Nach kurzer Konsultation der Gesetzestexte, meint sie, um das Auto einzuführen, müssen wir eine Zollbearbeitungsgebühr von 1% des Fahrzeugwertes entrichten. Wir schlucken ein paarmal trocken und verweisen, dass wir ein Carnet de Passage hätten, vielleicht könne man die Gebühr damit verhindern. Es ist später Nachmittag und wir fahren zum Container, da sich das Carnet im Landy befindet. Der Container wird bereitgestell, die Plombe geknackt, wir öffnen unser Vorhängeschloss und die Türen: Unser Landy ist vor uns im Container, heil und unversehrt. Yeppeeee. Wir packen das Carnet aus und fahren zurück zum Zollbüro. Dort hat man noch nie etwas von einem Carnet de Passage gehört und die Zöllner müssen dem Venezolanischen Automobilclub anrufen, was es denn mit dem Carnet auf sich hat. Mittlerweile ist es abend geworden und wir quartieren uns im Hotel ein.
Tags darauf kriegen wir den ganzen stressigen Beamtenalltag voll mit: zwei Drittel der Angestellten lümmeln auf ihren Stühlen herum und machen gar nichts, der weibliche Teil beschäftigt sich mit Maniküre und Schminken und der restliche Drittel stempelt irgendwelche Durchschläge unzählige Male, locht, bosticht und legt den ganzen Wisch in irgendwelche Kisten ab, wo alles mit der Zeit verschimmelt. Wir haben den ganzen Morgen Zeit, diesem Theater zuzuschauen, müssen zwischendurch selber auf die Bank um die Gebühren zu zahlen (Carnet hilft nichts, doch wir geben den Autowert mit 8000$ an und somit fällt die Gebühr moderat aus) und können dann am späten Nachmittag unseren Landy aus der Kiste rausholen. Es ist eine Freude wieder auf eigenen Rädern unterwegs zu sein.
Wir fahren direkt nach Adicora, wo es noch besseren Wind als in El Yaque haben soll. Bei Archie's Surfposada können wir uns vier Tage lang einquartieren und ich kann endlich mal den Kite wieder auspacken. Esther wollte nicht aufs Brett steigen und wartet auf moderatere Bedingungen in El Yaque. Der Wind bläst jeden Tag mit 4-6 Windstärken und legt in der Nacht noch zu, was uns im Dachzelt ziemlich durchschüttelt und schlaflose Nächte bereitet.
Weiter geht es nach Maracaibo, der zweitgrössten Stadt Venezuelas, die vom Reichtum der Erdölquellen nur so strotzen soll. Diesen Reichtum kriegen wir nicht zu Gesicht, ausser einem grossen Hauptplatz mit einer Kathedrale hat die Stadt nichts zu bieten.
Dafür können wir endlich neue Reifen aufziehen. Nachdem wir am nächsten Tag einige Kilometer zurückgelegt haben, stellen wir fest, dass der Landy schüttelt und vibriert und an Geschwindigkeiten über 100 nicht zu denken ist. Wir kehren um, damit die Räder noch einmal ausgewuchtet werden können. Wir werden von der einen Garage an die Hauptgarage verwiesen, wo man zuerst gar nicht auswuchten will, unter der fadenscheinigen Erklärung, die Maschine könne diese schweren Reifen nicht beschleunigen. Nach einigem Hin- und Her werden die Räder noch einmal ausgewuchtet, es muss ganz anders Blei angeschlagen werden, doch jetzt sollte es in Ordnung sein. Denkste, der Landy schüttelt zwar weniger, aber immer noch. Wir haben keinen Bock umzukehren und fahren über die Berge und die 4050 Meter hohe Passhöhe des Pico Aquilla nach Merida.
Wir können neben der Casa Alemana-Suiza auf dem Parkplatz stehen und gegen eine kleine Gebühr Toilette und Dusche benutzen. Der Besitzer ist Markus Twerenbold aus Ennetbaden, ganz aus der Nähe, wo wir mal gewohnt haben. Leider reist er für sechs Wochen zurück in die Schweiz und wir können nur einen Tag lang Infos aus ihm rausholen.
Wir fahren sofort zur lokalen Firestone-Garage, um die Räder noch einmal auszuwuchten und hier stellt man fest, dass alle vier Reifen einen Fabrikationsfehler aufweisen und unrund laufen. Zum Glück ist der Service-Agent in der Stadt, schaut die Reifen an und bestellt auf nächste Woche gleich vier neue Reifen. Das nennen wir Service.
Da wir den 5007m hohen Pico Bolivar erklimmen wollen, gilt es ein wenig Fitness zu treiben, damit wir nicht gleich kollabieren. Wir nehmen unsere Räder vom Dach und quälen uns zwei Tage lang die Berge rauf und runter. Merida wird zwar als MTB-Paradies gepriesen, doch davon kriegen wir nicht viel mit. Es geht selbst auf Teerstrassen so steil rauf, dass wir im leichtesten Gang aus dem letzten Loch pfeifen und auf den Schotterwegen ist eher stossen angesagt. Die nächsten zwei Tage machen wir Höhenanpassung à la Esther und Petr. Da wir keine Lust haben für 4-5 Tage alles in den Rucksack zu packen und die Berge raufzuschleppen, fahren wir mit dem Landy in die Höhe und übernachten einmal auf 3600 und danach auf 4200 Metern Höhe.
Am Donnerstag soll es losgehen. Doch leider konnte man uns in der Casa Alemana-Suiza keinen Bergführer organisieren. Was jetzt? Auf eigene Faust losziehen, oder noch einen Tag warten und dafür unsere Höhenaklimatisierung aufs Spiel setzen? Wir suchen auf eigene Faust einen Bergführer und fahren in ein anderes Seitental um wenigstens auf 3000m Höhe zu übernachten.
Tags darauf geht es früh um 7:30 mit der längsten und höchsten Seilbahn der Welt (12km Kabellänge) auf 4750m Höhe. Wir entschliessen uns, das schwere Gepäck oben in der Seilbahnstation zu lassen und nur mit leichtem Gepäck direkt auf den Pico Bolivar aufzusteigen. Die Alternative wäre, auf 4600m ein Bivak zu errichten und dann am nächsten Tag auf den Bolivar aufzusteigen.
Nur schon der Abstieg auf 4600m erweist sich als anspruchsvolle Kletterei und lässt uns erahnen, dass es sich hier keineswegs um einen lockeren Spaziergang handelt. Leider ist Gustavo unser Führer in ziemlich schlechter köperlicher Verfassung und ich muss ihm bald einmal den Rucksack abnehmen, da wir befürchten, er würde uns sonst zusammenbrechen.
Ab 4800 m müssen wir uns anseilen und das richtige Bergsteigen beginnt. Gustavo macht den Vorstieg, dann folgt Esther und ich. Seillänge für Seillänge kraxeln wir in die Höhe. Doch Gustavo hat jedesmal eine Ewigkeit, bis er die Sicherung errichtet hat und ist fast noch nervöser als wir. Die Felsen sind mit Schnee und Eis bedeckt und erleichtern es nicht sonderlich, die richtigen Griffe zu finden. Nach 6.5 Stunden anspruchsvoller Kletterei (Grad 5) stehen wir um 16:00 auf dem Gipfel. Unser erster gemeinsamer Fünftausender !!! Wir haben es geschafft !!!
Leider können wir den Moment hier oben nicht lange geniessen, da die Zeit drängt, um wenigstens den schwierigsten Teil des Abstiegs bei Tageslicht noch absolvieren zu können. Wie schön war es in Alaska, als wir noch um Mitternacht bei Tageslicht den Gletscher überqueren konnten.
Das Wetter verschlechtert sich zusehends, es beginnt zu schneien und die Sicht wird immer mieser. Wir seilen uns Länge für Länge ab, wobei die erste Länge am schlimmsten ist, da es einen Überhang zu absolvieren gilt. Danach wird es flacher und einfacher und das letzte anspruchvolle Coulouir geht schon ganz locker vonstatten. Mittlerweile ist es 19:00 geworden, es regnet und es ist dunkel. Gustavo verläuft sich ein paar Mal und nur dank unserem GPS und Kompass finden wir den richtigen Weg wieder. Die Taschenlampe in der Hand oder im Mund erklimmen wir die letzten 150 Höhenmeter zurück zur Bergstation und um 20:30 ist es vollbracht, wir sind zurück, heil und unbeschadet.
Wir können in der Bergstation unsere Schlafsäcke ausrollen und können von hier aus dem imposanten Wetterleuchten beiwohnen, das um uns herum die Nacht zum Tag werden lässt. Schlafen können wir nicht viel, wir spüren die Höhe, doch sind wir stolz den Pico Bolivar erklommen zu haben.
Tags darauf geht es mit der ersten Bahn wieder runter auf 1650m.
Nachdem wir die Dusche ausgiebig genossen haben, geht es zum Pneuhändler um die Reifen abzuholen. Hier erwartet uns aber eine Enttäuschung. Die Reifen wurden aus Sicherheitsgründen zurückgezogen und wir müssen auf einen doppelt so teuren Reifen umsteigen. Dafür soll er die doppelte Laufleistung haben und hat ein Profil, das selbst im schlimmsten Schlamm noch Vortrieb liefern soll. Mal schauen, der Amazonas steht uns ja noch bevor.
Am Sonntag können wir noch der Wahl der Niña Merida 2004 beiwohnen. Sieben- bis Zehnjährige Mädchen stolzieren schon mit Hüftkick auf der Bühne herum, steigen im eleganten Abendkleid die Showtreppe runter und sitzen fast eine Stunde bewegungslos auf der gleichen Stelle, bis der Moderator seinen Quatsch runtergelabert hat. Der ganze Anlass wurde im Lokalfernsehen übertragen, doch die Organisation wäre bei uns selbst in einem Skilager durchgefallen. Längen von über fünf Minuten, wo gar nichts passiert, Mikrofone der Musikgruppen, die nicht eingeschaltet oder schlecht gemischt sind und das Beste am Schluss: kaum steht die Gewinnerin fest, klatschen nur die Leute aus ihrer Fangruppe, alle anderen stehen auf und verlassen den Saal, noch bevor der Moderator seine Schlussansage abgeschlossen hat. So sind sie eben, die Venezolanis.
Wir haben zu ihnen den Draht bisher noch nicht gefunden. Nachdem wir ein halbes Jahr duch Mexiko und Zentralamerika gereist sind, wo die Leute vorwiegend offen und freundlich sind, kommt uns die unfreundliche, verschlossene, schnoddrige und unflexible Art der Venezolaner echt schlecht rein.
Ein paar Beispiele:
- Kommt man in eine Bäckerei, Metzgerei o.ä. so wird man nicht begrüsst und auch ein Gruss unsererseits wird seltenst erwidert.
- Im Supermarkt an der Kasse macht sich die Kassiererin nicht mal die Mühe den Kopf zu heben, geschweige denn etwas zu sagen.
- Fährt man durch Dörfer, wird man von den Leuten nur doof angestarrt und unser Winken und lächeln sehr selten erwidert.
- Eine Kundenorientierung ist nicht erkennbar, man muss froh sein, wenn man überhaupt bedient wird und etwas kriegt.

Doch jetzt genug gelästert, abgesehen von den Einheimischen ist es hier landschaftlich sehr schön und abwechslungsreich und die vielfältige Flora und Fauna macht einen grossen Teil des Reizes dieses Landes aus.
 

Von Panama nach Caracas

Caracas von nah ...

... und fern
Landy darf aus dem Container raus
Eine der vielen Raffinerien
Auf dem Weg nach Adicora

Dünen vor Adicora

Archie's Posada und sein Mad Max Mobil
Die letzten honduranischen Zigarren werden gemeinsam mit Archie abgefackelt

Petr am Kiten

In Coro, eine der schönsten Kolonialstädte Venezuelas
Die über 8km lange Brücke über den Maracaibosee
Unser idyllischer Übernachtungsplatz

Maracaibo Downtown
Solche alten Benzingurgler fahren zuhauf hier herum. Kein Wunder bei einem Benzinpreis von läppischen 3-4 Rappen für den Super und 2.4 Rappen für den Liter Diesel.
Wir können für 1.8 CHF den ganzen Tank füllen

Ausflug zur Laguna de Sinamaica. Als die spanischen Eroberer die Pfahlbauten gesehen haben, hat sie dies an Venedig erinnert und sie haben die ganze Gegend Venezoela getauft.
Die Menschen leben hier immer noch wie vor hunderten von Jahren
Eines morgens als wir aufwachten ....

Nein, nein, wir sind am Reifenwechseln. Unsere alten Reifen haben wir für ein 6-pack Bier verkauft und sie werden noch bis aufs Gewebe runtergefahren

Ausblicke auf Maracaibo
Blick auf den Maracaibosee mit seinen hunderten von Bohrtürmen
Übernachtung vor einem "Chalet" auf dem Weg nach Merida

Auf dem Weg nach Merida durch die Anden

Auf dem Pico Aguila auf 4050 Metern Höhe
Zwei venezoalische Honeymoonpärchen
Frailejones, wachsen noch auf über 4200 Metern Höhe

Auf der anderen Seite geht es wieder runter
Zwischenhalt bei der Mifafi Condorstation

 

Unser Pennhouse mit Bergkulissse in Merida

 

Reifen werden bis aufs Minimum runtergefahren und Reifenwechsel gemütlich mitten auf der Strasse durchgeführt. Auf die Idee, man könnte ja ein wenig zur Seite fahren, kommen sie nicht.
Die Verkehrsregeln sind wie auf der Skipiste, der von hintenkommende muss aufpassen.
Es ist durchaus üblich, dass Autobusse und Taxi vor einem anhalten und Leute ein- und ausladen. Dies natürlich ohne Blinker oder funktionierende Bremslichter.
Gustavo unser Bergführer, vollbeladen
Rauf geht's
Pico Bolivar von der Nordseite her gesehen
Bergstation des Pico Espejo auf 4760 Metern Höhe
Im Hintergrund der Pico Humboldt

Zuerst der steile Abstieg runter auf 4600 Meter und dann geht's nur noch rauf
Geschafft, wir sind oben !!!

Jetzt geht's wieder runter
Uff, wir haben es und wir sind geschafft. Zurück in der Bergstation um 20:30
Wieder einmal muss alles zum Trocknen ausgelegt werden

Merida und seine Bevölkerung
   
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