45. REISEBERICHT: 27.6. - 9.7.2004

Von der Isla Margarita nach Santa Elena (Grenze zu Brasilien)

Bisherige Route Gesamtübersicht:

Diese Etappe:


Der Abschied von der Isla Margarita ist uns nicht leicht gefallen. Wir hatten einen sicheren und bequemen Standplatz, tolle Kollegen, schönes und trockenes Wetter, wussten, wo wir was einkaufen können, konnten gemütlich am Strand herumhängen und abends noch die Happyhour geniessen. So richtig wie Ferien. Jetzt heisst es wieder in den Reisealltag überzugehen: Wir müssen uns wieder in neuen Einkaufsläden zurechtfinden, die richtigen Strassen finden und für die Nacht einen sicheren und günstigen Standplatz finden. Jaaaaa, liebe Leserschaft, ist nicht immer nur lustig in der Welt herumzugondeln.
Doch nach ein, zwei Tagen sind wir wieder voll im Reisealltag drin und geniessen es wieder neue Gegenden, Orte und Leute kennenzulernen und sind wieder freudig gespannt, was der neue Tag so bringen wird.
Die Fahrt zur Guacharo-Höhle führt uns durch saftig grünen Urwald und danach wieder in die Berge auf fast 1200 Meter Höhe. In dieser Höhle hat sich eine einzigartige Spezies von Vögeln niedergelassen, die sich wie Fledermäuse mittels akustischer Signale orientieren. Als wir die Höhle betreten, veranstalten die Viecher ein schauriges Kreischkonzert und wenn wir nicht wüssten, dass es sich um Vögel handelt, würden wir meinen, dass gerade ein Drache aus dem Erdboden aufsteigt. Nach 800 Metern geht es durch einen engen Durchstieg und es beginnt der Teil der Höhle, wo keine Vögel mehr sind und wir endlich wieder richtig atmen können, da der Gestank vorher bestialisch war.
Die Nacht ist mit 14°C ziemlich frisch und am nächsten Tag geht es wieder runter ins Flachland, wo es nicht viel zu sehen gibt und wir kommen am Abend bei der Posada Casita in Ciudad Bolivar an. Joachim rechnet uns alle möglichen Varianten vor und wir entschliessen uns, 235$ pro Person locker zu machen und einen dreitägigen Ausflug zum höchsten Wasserfall der Erde, dem Salto Angel zu unternehmen.
Am nächsten Morgen früh geht es zum Flughafen, wo wir noch mit zwei anderen Touris in die kleine Cessna einsteigen und nach Canaima fliegen. Der Flug selber ist schon ein Erlebnis und wir setzen eineinviertel Stunden später zur Landung an. Um 11:00 sieht das Wetter vielversprechend aus und wir starten zum Überflug des Salto Angel und der umliegenden Tafelberge (Tepui), die sich über 1000 Meter über die Ebene erheben. Diese Berge sind mit 2700 Millionen Jahren erdgeschichtlich schon sehr alt und existierten schon, als sich der südamerikanische Kontinent von Afrika getrennt hat. Dadurch hat es auf diesen Tepuis völlig unbekannte Flora und Fauna und man findet u.a. viele fleischfressende Pflanzen, die sich von Insekten ernähren, da jegliche Mineralien und Nährstoffe schon aus dem Boden ausgewaschen sind.
Der Überflug dauert 45 Minuten und führt vorbei am Auyan-Tepui zum Salto Angel. Leider hat es noch viele Wolken und wir können nicht über den Tepui fliegen. Doch nach etlichen Kurven rund um den Salto Angel, öffnet sich der Himmel und wir kriegen ihn für ein paar Sekunden in voller Länge zu sehen. Doch noch mehr als der Blick auf den Salto Angel, faszininiert uns der nahe Vorbeiflug am Tepui, aus dem sich noch etliche andere Wasserfälle ergiessen und der Blick auf die grüne Ebene, aus der noch andere Tafelberge herausstechen.
Am Nachmittag besichtigen wir die Lagune von Canaima und können hinter dem Salto Sapo durchlaufen, was ein eindrückliches und feuchtes Erlebnis ist. Bei der Rückfahrt mit dem Boot über die Lagune schlägt der Blitz wenige hundert Meter von uns ins lokale Kraftwerk ein und unser Fahrer wird via Aussenbordmotor elektrisiert. Er lässt einen Schrei los, den Handgriff ebenfalls und schaut ziemlich verdattert aus der Wäsche. Doch zum Glück hat es ihm nichts gemacht und wir können die Fahrt unbeschadet fortsetzen.
Am nächsten Tag warten wir noch auf eine andere Gruppe Touris, die mit uns die 4.5 stündige Fahrt via Boot zum Salto Angel in Angriff nehmen werden. Um 11:30 geht es endlich los. Die Fahrt geht durch unberührte Wildnis und bald kommen die Tepuis in Sicht. Mittlerweile rutschen im Boot alle hin und her und versuchen eine bequeme Position auf den kleinen Holzbänken zu finden. Um 14:30 beginnt es wie aus Kübeln zu schütten und wir sind froh, unsere Regenkleider mitgenommen zu haben. Nach drei Stunden Fahrt biegen wir in den Seitenarm zum Salto Angel ab und hier beginnt der wirkliche Spass. Es gilt einige wilde Stromschnellen zu überwinden. Wir haben zum Glück gute Plätze erwischt, doch die hinter uns sitzenden, werden von mehreren Flutwellen gut durchgewaschen.
Doch nach vier Stunden Fahrt sind der schmerzende Hintern und die durchnässten Kleider vergessen. Der Salto Angel lässt sich in voller Grösse und Länge blicken. Wir steigen aus dem Boot und müssen noch gut eine Stunde durch den Urwald zum Aussichtspunkt raufsteigen. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, so nahe beim Wasserfall zu stehen. Alle starren gebannt zur Kante des Tepui rauf, von wo sich das Wasser 1000 Meter in die Tiefe stürzt. Die Gischt durchnässt uns, die stürmischen Böen werfen uns fast vom Aussichtspunkt runter, doch wir bleiben eine halbe Stunde hier oben und sind ob dem Naturschauspiel überwältigt. Es ist fantastisch!!! Diese Wassermassen! Beim Abstieg gleiten unsere Blicke immer wieder zum Wasserfall rauf und von unserer Hütte, wo wir übernachten, haben wir noch einen fantastischen Blick auf den Wasserfall.
Zum Nachtessen gibt es Poulet vom Grill und geschlafen wird in Hängematten. Am nächsten Morgen können wir noch einen Blick auf den Salto Angel werfen und dann geht es wieder 2.5 Stunden flussabwärts nach Canaima.
Beim Rückflug nach Ciudad Bolivar kommen wir in unserer kleinen Maschine noch in eine Gewitterfront, werden ziemlich durchgeschüttelt, überall um uns herum blitzt es und wir sind froh, als wir heil wieder ankommen.
Es war ein toller Ausflug und eine schöne Abwechslung, mal so richtig Touri zu spielen: Alles war vororganisiert, es wurde für uns gedacht und gekocht und wir mussten nur noch dem Führer hinterherlatschen.
Bald war wieder unsere Selbstständigkeit gefragt und wir fuhren nach El Dorado, wo der Schweizer Bruno ein Camp hat. Man kennt ihn weit herum und seine abenteuerlichen Geschichten könnten Bücher füllen. Er ist schon fast seit dreissig Jahren in Venezuela, wo er als Ausbildner in der Armee tätig war, hat auch im Gefängnis Las Colonias gearbeitet, das aus Henri Charrieres "Papillon" bekannt ist und schürft jetzt auf seinem Grundstück in einem 20 Meter tiefen Stollen nach Gold. Am Morgen weckt er uns mit einem Alphornkonzert und geht dann zwischen den Piranhas schwimmen.
Wir setzen unsere Fahrt durch einige heruntergekommene Goldgräberdörfchen fort und fahren dann auf die 1300 M.ü.M. liegende Gran Sabana. Die Landschaft ändert sich von dichtem Urwald zu weiter Steppe mit grossartigen Ausblicken auf die Tepuis in der Ferne.
Wir machen einen Abstecher nach Kanavayen, um den Tepuis noch ein wenig näher zu kommen. Die 75km Dreckpiste ist zum Glück trocken und griffig, doch bei Regen kann sie sich schnell in eine schlammige Angelegenheit entwickeln. Die Gegend ist faszinierend und wir geniessen es, die Nacht wieder einmal alleine in der Wildnis zu verbringen, mit einem Blick auf die umliegende Savanne.
Der Abstecher zum Aponwao lohnt sich auf jeden Fall. Kanavayen ist ein grosses Missionsdorf, in dem viele Pemon-Indianer in soliden, von der Regierung finanzierten, Häusern wohnen und sich über Touristen nicht allzu erfreut zeigen. Wir machen nur kurzen Halt und fahren die 20km weiter Richtung Karuay Meru. Die Strecke ist teilweise anspruchsvoll und prompt buddeln wir uns nach knapp 10km in einem Schlammloch ein. Hier helfen nicht einmal unsere hardcore Schlammreifen weiter. Das Profil ist voll und an ein Weiterkommen nicht zu denken. Doch diesmal geht es ruckzuck wieder raus. Schaufeln auspacken, Weg für die Räder freischaufeln und nach zehn Minuten geht es wieder weiter. Der Wasserfall selber ist nicht so überwältigend, doch die Abendstimmung mit den umliegenden Tepuis umso mehr.
Zurück zur Hauptstrasse, schnell die 200km runterspulen und schon sind wir in Santa Elena, der Grenzstadt zu Brasilien angelangt. An der Tankstelle wartet schon eine Autoschlange von mehreren Dutzend Autos, doch gemäss Brunos Tip sollen wir vorne hinfahren. Das machen wir denn auch, doch der Polizist schickt uns zur Ausländer-Zapfsäule rüber, wo vor allem Brasilianer (und wir) tanken müssen und der Treibstoff dreimal so teuer ist. Klaro, es ist immer noch nicht viel, wenn wir für 170 Liter Diesel 12 CHF ausgeben müssen, doch es wirkt nie allzu symphatisch, wenn Ausländer mehr zahlen müssen.

10 Wochen Venezuela liegen hinter uns. Das Land ist unglaublich vielseitig: wunderschöne Karibikinseln- und Strände, hohe Anden, tierreiche Ebenen, die Gran Sabana mit ihren urtümlichen Tafelbergen, unberührte Dschungel und ein pulsierendes Caracas.
Doch jetzt da wir schon Brasilien sind, fallen uns die negativen Unterschiede noch viel mehr auf:
- Die Leute sind wirklich unfreundlich, schnoddrig, arrogant, verschlossen, uninteressiert und kaum hilfsbereit.
- Autofahrerisch bisher das Schlimmste, was wir je erlebt haben: Kreuzungen werden hemmunglos blockiert, Rotlichter überfahren, Taxis laden Leute mitten auf der Strasse ein und aus und Reifenwechsel oder Autoreparaturen finden vornehmlich in Kurven oder hinter unübersichtlichen Kuppen statt. Der Blinker ist für sie ein unbekannter Hebel an der Lenksäule und Bremslichter meist inexistent.
- Es hat unzählige, unfreundliche Militärkontrollen entlang den Strassen.
- Und hier noch das Beste: Wenn der Präsident eine Staatsansprache hält (so geschehen während der EM-Übertragung), so müssen alle Kanäle im Radio und Fernsehen sein Gelaber übertragen, selbst die Privatsender.
 

Doch es war eine interessante Zeit, bye bye Venezuela, Brasilien wartet auf uns.
 

Entlang der Nordküste von Venezuela
Ab in die Berge
In der Guacharo Höhle und ein brütender Guacharo
Unterwegs nach Ciudad Guyana
Ab nach Canaima
Lagune von Canaima
Impressionen vom Rundflug um den Salto Angel
In der Bucht von Canaima
Hinter, unter und auf dem Salto Sapo
Es geht Richtung Salto Angel
Und hier ist er

Aus der Ferne, aus der Nähe

Nass, aber glücklich
Die ganze Truppe beim Nachtessen
Am nächsten Morgen
Es geht wieder zurück
Impressionen aus Ciudad Bolivar. Für uns sicher die schönste Stadt Venezuelas
Bruno am Alphornen und mit seinem morgendlichen Fang
Goldgräberromantik ?!
Ab nach Kanavayen
Abendstimmung in der Gran Sabana
Am Aponwao
In Kanavayen
Ein kleines Schlammbad gefällig?
Am Karuay Meru ...
... und zwischen den Tepuis
Kama Meru und Quebrada de Jaspe nahe der Strasse nach Santa Elena
Blick auf das Roraima Massiv
Matias aus Argentinien auf dem Weg nach Alaska
Markt in Santa Elena
   
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